Die Erde brodelt

Es ist knapp. 10 Uhr wollen wir im Nationalpark Puracé sein und ca. zwei Stunden Fahrt liegen vor uns. Wir verlassen die Stadt und winden uns ins Gebirge. Da war doch noch was! Der Blick aufs Tacho. Wir müssen tanken. Die Tankstellen liegen weit hinter uns. Also kringeln wir uns aus den Bergen im Affenzahn zurück. Tanken und dann legen wir nochmal an Tempo zu. Warum wir es so eilig haben? Auf einer Felsspitze legen die Indios täglich Futter für die riesigen Condore aus. Das ist die beste Chance, die größten Vögel der Welt aus der Nähe zu sehen. Dummerweise sind wir ziemlich spät dran und finden besagte Stelle nicht. Wie ärgerlich. Wir fahren weiter, irgendwo hier oben soll es einen Rundweg zu heißen Quellen geben. Eine kleine Hütte und drei Parkplätze; laut Beschreibung sind wir hier richtig. Und da steht auch schon ein Parkranger vor unserer Nase. Wir fragen nach dem Weg und was der Eintritt kostet. Er schaut uns mit großen Augen an. “Ihr hättet am Eingang Eintritt zahlen müssen.” Uups, ich erinnere mich an einen hochgezogenen Schlagbaum, da sind wir vorbei gebrettert.

Wir folgen dem Geruch von verfaulten Eier und entdecken die Wunderwelt der heißen Quellen.

Einen paar Tage später fahren wir weiter durch wunderschöne Landschaften und übernachten mittendrin in einem Hotel Namens Neckarsulm. Der Großvater war Deutscher und ist nach dem Krieg hier gestrandet. Und falls sich jemand fragt… ja die Kolumbianer können Neckarsulm perfekt aussprechen.

Unser letzter Zwischenstopp vor Bogota ist Armero. Eine verschwundene Stadt. Die Tragödie ist leider etwas in Vergessenheit geraten. 1985 verschüttete eine Schlammlawine 23.000 Menschen. Damals sind die letzten 60 Stunden der 13jährigen Omayra Sanchez live um die Welt gegangen.

Was ist übrig geblieben von der Stadt? Eine Landstraße durchquert die verschüttete Menschenwelt. Wenn man es nicht wüßte, man würde vorbeifahren. Wir halten an und bitten einen Führer uns alles zu zeigen. Er fährt mit dem Moped voraus und wir folgen. Es geht zu der Stelle, wo die kleine Omayra starb, symbolisch für die tausenden anderen Opfer gibt es hier ein Platz zum Gedenken. Ein paar Souvenirläden und eine verblasste Fotodokumentationswand stehen etwas verloren herum.

Wir fahren weiter. Überall junger Wald. An einigen Stellen wurden die Grundmauern der Gebäude freigelegt. Dieses Bankgebäude mit Banktresor war dabei sicher von besonderem Interesse.

Aber auch die Kirche und der Marktplatz sind auf das ehemalige Niveau abgetragen. Grundmauern und ein Mahnmal lassen das Ausmaß der Katastrophe erahnen.

Ringsherum steigt die Ebene bis auf 40 Höhenmeter an und konserviert den Rest der Stadt. Vor ein paar Jahren besuchte ich in Pompeij und  konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich im Prinzip eine ähnliche Katastrophe vor ein paar Jahrzehnten erneut auf der Welt abgespielt hatte. Wer mehr dazu lesen will, hier ist ein interessanter Bericht dazu.

Unsere Tage in Kolumbien mit eigenem Auto sind gezählt. Wir lieben dieses Land und die Leute. Sie wissen um das schlechte Image ihrer Heimat im Ausland. Die Vergangenheit hat viele Narben hinterlassen. Umso mehr freuen sich die Kolumbianer über Reisende, die an ihrem Land interessiert sind. Wir haben uns niemals unsicher gefühlt und können daher Kolumbien als Reiseland empfehlen. Dennoch sollte man die aktuelle Lage im Blick haben, denn nach wie vor gibt es Gebiete unter Kontrolle der Paramilitärs, weitvernetzte Drogenbanden und Morde vor allem an Umweltaktivisten. Momentan richtet sich diese Gewalt nicht gegen Touristen.

 

Wir reisten von Oktober 2018 bis Januar 2019 durch Kolumbien und Ecuador.

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu