Nur wer umherschweift, findet neue Wege

Vallegrande ist wie ausgestorben. Gedankenversunken schlappe ich Richtung Markt, als plötzlich eines der sporadisch vorbei tuckernden Autos ganz langsam neben mir her fährt. Mein Ignorieren und Abwimmeln hatte überhaupt keine Wirkung. „Che Guevara … Tour La Higuera … Che Guevara“, redet der Fahrer auf mich ein. Bis vor ein paar Sekunden hatte ich noch keinen Plan wie ich in das abgelegene Dörfchen morgen kommen sollte. Ein Blick aufs Handy: Um drei. „Ist es nicht zu spät für die Fahrt dahin?“ „No, no, no“, beschwichtigt er mich.
Nicht wirklich für einen mehrstündigen Ausflug präpariert, sitze ich nun neben ihm. „Familia okay, familia?“ Seine ganze Familie will mitkommen? Okay, denke ich – aber ich sitze vorn. Schließlich bezahle ich den Familienausflug. Eine dreiviertel Stunde später fahren wir endlich mit zwei eisverschmierten Kindern und ihrer Mama auf der Rückbank los.

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Was für ein Tag, denke ich. Ich bin heute morgen von Samaipata aufgebrochen. Die meisten Reisenden fahren von dort in der Regel mit dem Nachtbus neun Stunden direkt nach Sucre. Die Straßen sollen schlecht, aber die Natur phänomenal sein. Ich entschied mich für eine alternative Route über Vallegrande, Villa Serrano nach Sucre.

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Heute Mittag spuckte mich der Minibus in brütender Hitze aus. Ich schleppte mich und mein Gepäck zu der einzigen Pension, die ich online buchen konnte und stand vor verschlossener Tür. Die Klingel in zwei Meter Höhe hatte ich glatt übersehen. Ich rief an und hörte von draußen, dass keiner ans Telefon ging. Irgendwann war die Hausdame dann doch bereit, die Tür zu öffnen. Ich war der einzige Gast. Ließ meinen Rucksack fallen und ging in die Stadt, dort sollte es einen Markt geben. Den ich aber nie erreicht habe.

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Stattdessen genieße ich nun eine traumhafte Berglandschaft im Abendlicht. Die Straße schlängelt sich einspurig und übersät mit Schlaglöchern an steilen Felswänden entlang.

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Zwischendurch gibt es kurze Stopps, um Fotos zu machen, eine Schlange zu retten (mein Fahrer wollte sie totschlagen)

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oder um Luft auf den Hinterreifen aufzupumpen. Und schließlich das Hinterrad gegen das viel kleinere Ersatzrad auszutauschen.

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Nach zweieinhalb Stunden Staubpiste erreichen wir in der Dämmerung La Higuera. Hier an diesem Ort wurde Che Guevara erschossen. Der Fahrer setzt Frau und Kind bei seiner Verwandtschaft ab und organisiert den Schlüssel für das kleine Museum. Hier gibt es keinen Strom. Mit meinem Handy kann ich alte Fotos in dem kargen Raum erkennen.

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Dass Guevara mit Fidel Castro in Cuba gekämpft und gesiegt hat, ist vielen bekannt. Aber dass er nach der gefloppten Revolution im Kongo nach Bolivien eine noch mehr zum Scheitern verurteilte Mission anführte, wird bei der Glorifizierung des Mannes gern weggelassen. Von Bolivien aus wollte er die sozialistische Revolution auf dem südamerikanischen Kontinent entfachen. Allerdings dachten die bolivianischen Bauern nicht daran, sich den Guerillas anzuschließen, nicht mal die bolivianische Kommunistische Partei. In besten Zeiten kämpften knapp 50 Leute für die nationale Befreiungsarmee unter dem Anführer Che. Funkgeräte funktionierten nicht, es fehlten Medikamente, die Truppe verlor sich in zwei Teile und so gelang schließlich der bolivianischen Armee mit Unterstützung der CIA die Festnahme. Am nächsten Tag wurden Che Guevara und seine Kameraden hingerichtet. Um der Welt zu zeigen, dass er wirklich tot ist, brachte die Armee ihn nach Villagrande, wusch ihn, bahrte ihn auf und ließ ihn fotografieren. Doch genau diese Bilder verhalfen ihm post mortem zu Ruhm und Ehre.
Wer mehr dazu wissen will >>> Hier gibt es ein Video dazu.

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Draußen treffe ich nun doch noch einen Touristen. Philippe aus Brasilien ist mit dem letzten öffentlichen Bus hier gestrandet und hat sich schon seinen Biwakplatz eingerichtet. Er finanziert sich seine Reise mit dem Verkauf von Postkarten bzw. Fotos, die er auf der Reise macht. Ich biete ihm an, mit uns zurückzufahren. Und so quetscht er sich mit der Familie auf die Rückbank, die das nicht so prickelnd findet. Über Stock und Stein treten wir die nächtliche Rückfahrt an. Und es passiert was passieren muss: Dem Ersatzreifen geht die Luft aus. Wir können nicht weiterfahren und es wird jetzt echt frisch. Ich hatte ja nix weiter dabei – für meinen eigentlichen Stadtbummel. Nach über einer Stunde kommt Hilfe mit einem weiteren Ersatzrad und so bin ich kurz vor Mitternacht in der Pension. Ich wecke nun zum zweiten Mal heute die ältere Vermieterin, diesmal per Klingel. Was für ein Tag, denke ich nochmal.

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